Start Geschichte der Allergien Das Ausmaß der Allergie – klinische Allergologie

Das Ausmaß der Allergie – klinische Allergologie

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Das Ausmaß der Allergie
Als John Freeman 1950 das veröffentlichte, was er und seine Familie hämisch das „verdammte Buch“ nannten und darin freimütig seine Sorgen um die Zukunft der biomedizinischen Erforschung der allergischen Krankheiten zum Ausdruck brachte, hatte er nicht nur bereits viel dafür getan, die klinische Allergologie als medizinisches Spezialgebiet in Großbritannien zu etablieren, sondern auch St. Mary’s zur wichtigsten Spezialklinik auf diesem Gebiet gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war Freemans Reich, die Allergieabteilung von St. Mary’s, das wahrscheinlich größte Allergiekrankenhaus der Welt. 1952 hielten Freeman und seine Kollegen in der Abteilung für saisonal bedingten Heuschnupfen 7495 Sprechstunden ab (mit 1140 neuen Patienten) und in der Abteilung für allergische Krankheiten 4880 Sprechstunden (mit 2957 neuen Patienten). Das sind Zahlen, die die in den Ambulanzen für Infektionskrankheiten derselben Klinik behandelten Patienten weit übertrafen. In jenem Jahr rühmte der Annual Report: „Die Allergie ambulanz ist der einzige Ort in Großbritannien, wo neue oder ungetestete Antiallergie-Medikamente gründlich untersucht werden können. Verschiedene Medikamente wurden in kontrollierten Versuchsreihen zur Anwendung gebracht und die Ergebnisse einiger dieser Versuchsreihen werden in Kürze veröffentlicht werden.“

Zur selben Zeit war die Allergieabteilung von St. Mary’s zu einem Anziehungspunkt für an der Allergologie interessierte Studenten und Ärzte geworden, zog Forscher aus aller Welt an, genoss das Interesse der Medien, stellte seine eigenen Lehrfilme für Medizinstudenten her und bildete mithilfe von Postgraduiertenprogrammen und Forschungsstipendien junge Allergologen aus. Tatsächlich war der Ruf der Allergieklinik so groß, dass 1976 eine Reportage in der Times behauptete, St. Mary’s „ist für Allergien, was das Pasteur-Institut für Viren ist“.

Unter der Direktion von A. W. Frankland begann die Abteilung in den 1950er-Jahren – analog zu früheren Auflistungen der saisonalen Pollenverbreitung in Nordamerika -, die britischen Allergieärzte regelmäßig mit aktuellen Pollenzahlen zu versorgen. Im folgenden Jahrzehnt waren tägliche Pollenzahlen als „Warnsystem für Heuschnupfenkranke im Juni und im Juli“ zunächst der Londoner Presse zugänglich und in der Folgezeit der gesamten Landespresse. Ende des 20. Jahrhunderts waren die seit 1961 täglich aufgezeichneten Pollenzahlen vom St. Mary’s Hospital „die ausführlichste Datenliste einer europäischen Pollenbeobachtungsstation“. Diese ermöglicht modernen Aerobiologen, über einen langen Zeitraum Veränderungen der Pollenkonzentration und -Verteilung beobachten und den Einfluss von Klimaveränderungen, von Landnutzungsarten und Luftverschmutzungsgraden auf den Heuschnupfen untersuchen zu können.

Die Belegschaft von St. Mary’s bildete auch den frühen Mitgliederkern der British Association of Allergists (Britische Allergologenverei- nigung), deren erste Versammlung am 24. Januar 1948 unter dem Vorsitz von A. W. Frankland in St. Mary’s abgehalten wurde. Bei der Gelegenheit diskutierten John Freeman und Henry Dale ausführlich über die Natur und Bedeutung von Allergien. Die für einige medizinische und andere wissenschaftliche Spezialgebiete interessante Gesellschaft wurde zu einem wichtigen Forum für nationale sowie internationale Vortragende, die ihre Forschungsergebnisse vorstellen wollten.

1959 war die Association Gastgeber des 4. Europäischen Allergiekongresses in London. 1964 änderte sie ihren Namen in British Allergy Society (Britische Allergiegesellschaft) und danach in British Society for Allergy and Clinical Immunology (Britische Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie). 1971 rief die Gesellschaft eine neue Zeitschrift ins Leben, die Clinical Allergy (später Clinical and Experimental Allergy), die sich der Verbreitung der Ergebnisse von Labor- sowie klinischen Forschungen widmete und von Jack Pepys (1914-1996) herausgegeben wurde, der 1953 in die Allergieabteilung von St. Mary’s aufgenommen worden war und später der erste Professor für klinische Immunologie in Großbritannien werden sollte.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg interessierten sich auch Immunologen für die Allergieforschung. Diese hatten sich zuvor überwiegend mit der Biochemie von Antikörpern und Antigenen befasst. So wurde bei der Gründung der British Society for Immunology (Britische Gesellschaft für Immunologie) in den frühen 1950er-Jahren Allergie (zusammen mit serologischen Reaktionen, biologischen Aspekten der Immunität, der Krankheitsvorsorge und Routineuntersuchung) als eines von fünf Hauptgebieten der immunologischen Forschung angesehen, und berühmte, auf dem Gebiet der Allergologie tätige Wissenschaftler und Ärzte (z. B. John Freeman, Carl Prausnitz, Henry Dale, Jack Pepys und A. W. Frankland) wurden Mitglieder oder Ehrenmitglieder der Gesellschaft.169 1966 gründete die Gesellschaft in Anerkennung der klinischen Bedeutung der Immunologie die Zeitschrift Clinical and Experimental Immunology als Schwesterpublikation zur 1958 erstmals herausgegebenen Immunology. Zusätzlich widmeten führende Immunologen wie John Humphrey (1915-1987), der 1957 zum Direktor der neuen Abteilung für Immunologie am National Institute for Medical Research (Nationalinstitut für Medizinforschung) ernannt worden war und der 1963 ein wichtiges Lehrbuch zur Immunologie veröffentlicht hatte, der Erforschung der Mechanismen allergischer Reaktionen viel Zeit. Als Gründungsherausgeber von Advances in Immunology weckte Humphrey auch persönlich das weltweite Interesse an der immunologischen Untersuchung von Überempfindlichkeit. Das wachsende immunologische Interesse an Allergien spiegelt sich nicht allein in den zu jener Zeit vielerorts in Krankenhaus und Labor durchgeführten Erforschungen allergischer Erkrankungen, sondern auch in einem allgemein wiederauflebenden Interesse an den biologischen, im Gegensatz zu den chemischen Aspekten der Immunität. Ebenso wie die inspirierende Erforschung der Autoimmunität, der Tumorbiologie und der Immunreaktion bei Transplantat-Abstoßungen führte die Allergieforschung in den 1950er-Jahren zu einer erneuten Konzentration auf die zellulären Determinanten von Immunreaktionen.

Natürlich waren es nicht nur britische Allergologen, die ihre Disziplin Mitte des 20. Jahrhunderts ausweiteten und bekannt machten. Entwicklungen in Nordamerika, auf dem europäischen Kontinent und in Großbritannien ermöglichten eine größere internationale Zusammenarbeit, nicht nur in Form von akademischen Tagungen, wie die alle drei Jahre abgehaltenen Europäischen Allergiekongresse, sondern auch in Form neuer Gesellschaften und globaler Gesundheitsinitiativen. Die International Association of Allergology (Internationale Allergologievereinigung), die ihr Entstehen weitgehend der Voraussicht und Begeisterung führender amerikanischer Allergologen verdankte, wurde 1951 im Anschluss an den im selben Jahr in Zürich abgehaltenen ersten Internationalen Allergologenkongress gegründet. Fünf Jahre später wurde in Florenz die European Academy of Allergology and Clinical Immunology (Europäische Akademie für Allergologie und klinische Immunologie) zur Unterstützung der Grundlagen- und klinischen Forschung und zur Verbreitung wissenschaftlicher Informationen gegründet. Zusätzlich wurden allergische Krankheiten in den frühen 1960-ern von neuartigen weltweiten Forschungs- und Ausbildungsmaßnahmen der Immunpathologie ins Visier genommen, die die Weltgesundheitsorganisation koordinierte.

Es ist jedoch bemerkenswert, dass trotz des vermehrten weltweiten Interesses an allergischen Krankheiten das Entstehen der klinischen Allergologie zu dieser Zeit größtenteils auf die westliche Welt beschränkt blieb. Während moderne Industrienationen sich nicht selten eines ganzen Aufgebots von privaten und staatlichen Allergieangeboten sowie von Vorlesungen über Allergien für Ärzte und Medizinstudenten rühmen konnten, waren sowohl das Angebot als auch die Verfügbarkeit von Kliniken und Bildungsmöglichkeiten in den tropischen Entwicklungsländern deutlich geringer. Wie mehrere von der WHO nach dem Krieg durchgeführte Studien belegt haben, gab es bis 1964 in Kuwait keine Allergieklinik, bis 1972 keine in Indonesien und in den meisten afrikanischen Staaten gab es bis weit in die 1970er-Jahre keine Allergiedienste, während in einigen südamerikanischen Ländern schon seit den 1960er-Jahren entsprechende Krankenhäuser und Gesellschaften gegründet worden waren. Darüber hinaus waren die Allergiekliniken in Entwicklungsländern eher in größeren Städten angesiedelt, was den größten Teil der Bevölkerung vom Zugang dieser Einrichtungen ausschloss. Natürlich lag das teilweise an den großen Engpässen der örtlichen Finanzierung von Gesundheitsinitiativen. Hinzu kam aber noch die in der Ärzteschaft und Öffentlichkeit weitverbreitete Ansicht, dass, verglichen mit der Bedrohung durch akute Infektionskrankheiten, Allergien für Entwicklungsländer nur eine „kleinere Sorge“ darstellen und größtenteils auf die kultivierten und gebildeten Schichten der Industrienationen beschränkt sein würden.

Doch diese Annahmen zu Ausmaß und sozialer Verteilung der Allergie wurden immer stärker vom wachsenden öffentlichen Interesse an allergischen Erkrankungen infrage gestellt und von der aufkeimenden Erkenntnis, dass sich die Belastung durch allergische Krankheiten weltweit veränderte. Wie Milton und June Cohen in einem 1942 veröffentlichten populärwissenschaftlichen Buch hervorhoben, „war das amerikanische Volk von der Allergie fasziniert“. Zunehmende Zeitungsberichterstattung über allergische Krankheiten belegt das Ausmaß der öffentlichen Anteilnahme und Sorge ebenso wie das gelegentliche Auftauchen solcher Krankheiten als gängiges Motiv in Schauspielen und Romanen, insbesondere in Hay Fever, Noel Cowards 1924 verfasstem Porträt der Exzentrizitäten der Oberschicht. Zusätzlich lässt sich das Interesse der Öffentlichkeit an weitverbreiteter Zeitschriftenwerbung für Allergieprodukte und -angebote Mitte des 20. Jahrhunderts ablesen und an der Menge der von Allergologen geschriebenen Ratgeberliteratur für ein großes Publikum seit den 1930er- und 40er- Jahren. So veröffentlichte beispielsweise Warren Vaughan, ein Autor von Fachtexten zur Allergiepraxis, 1939 eine, wie er hoffte, „ziemlich gute Gute-Nacht-Geschichte“ für Laien, die mehr über die eigenen Allergien wissen wollten. Zwei Jahre später verfasste er eine weitere Abhandlung über diese „seltsame Krankheit“, die sich generell an eine breite Leserschaft wandte, und veröffentlichte populärwissenschaftliche Bücher, herausgeben von der American Association for the Advancement of Science (Amerikanische Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft).

Vaughan machte deutlich, dass das von ihm behandelte Thema deshalb so wichtig wäre, weil das Auftreten und Vorkommen von allergischen Krankheiten deutlich ansteigen würde. 1916 hatten Robert Cooke und Albert Vander Veer (1880-1959) in ihrem zukunftsweisenden Aufsatz über die Vererbbarkeit von Überempfindlichkeit geschätzt, dass sieben Prozent der amerikanischen Bevölkerung eine Überempfindlichkeit aufweisen würde. In den 1930er-Jahren lag der Bevölkerungsanteil, bei dem durch die sorgfältige Aufklärung der Anamnese des Patienten und seiner Familie eine spezifische Anfälligkeit festgestellt werden konnte, bei schätzungsweise 22,6 Prozent, wenn man nur die größeren Allergien berücksichtigte, und bei bis zu 60 Prozent, wenn man auch die kleineren Allergien mitzählte. 1941, so schätzte Vaughan, lebten in den Vereinigten Staaten 6 Millionen Heuschnupfenkranke, zwischen 600 000 und 3,5 Millionen Menschen mit Asthma und ungefähr 12 Millionen Menschen, die zu irgendeinem Zeitpunkt medizinische Hilfe wegen einer Allergie nötig hatten.

Vaughan zufolge zwangen solche Zahlen und die Tatsache, dass Allergien anfingen, auch in Entwicklungsländern zu grassieren, Ärzte der Gegenwart dazu, ein neues Allergieverständnis zu entwickeln: „Die Frage wird dann nicht mehr lauten ,Warum reagieren einige in der Bevölkerung allergisch?1, sondern ,Warum reagieren nicht alle Menschen früher oder später allergisch?““ So gesehen konnten Heuschnupfen und Asthma nicht länger als relativ seltene, auf die Eliteschichten der westlichen Welt beschränkte Krankheiten aufgefasst werden, wenn auch einige Autoren weiter der traditionellen Annahme anhingen, die Allergie sei „ein auf eine Handvoll Ausgewählte beschränkter Aristokrat unter den Krankheiten“. Viele Ärzte betonten im Gegenteil immer häufiger, dass „potenziell alle Menschen Allergien entwickeln können“. Und 1932 vertrat Vaughan die Ansicht, Allergie „ist nicht länger die Ausnahme, sondern die Regel“.

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