Start Gesundheitstipps „What about me“ Warum Menschen auf Social Media alles auf sich beziehen

„What about me“ Warum Menschen auf Social Media alles auf sich beziehen

9

„What about me?“ – Warum sich immer mehr Menschen auf Social Media persönlich angesprochen fühlen

Ein einfaches Rezept für eine eisenreiche Bohnensuppe. Ein Beitrag über glückliche Beziehungen. Ein Tipp gegen Panikattacken. Eigentlich harmlose Inhalte, die Menschen inspirieren oder informieren sollen. Doch immer häufiger entwickeln sich unter solchen Beiträgen hitzige Diskussionen – nicht über das eigentliche Thema, sondern darüber, warum der Inhalt angeblich bestimmte Personengruppen ausschließt.

Psychologen und Medienexperten beobachten seit einiger Zeit ein Phänomen, das durch soziale Netzwerke deutlich verstärkt wurde: Viele Nutzer bewerten Inhalte nicht mehr danach, ob sie für sie relevant sind, sondern erwarten, dass nahezu jeder Beitrag ihre persönliche Lebenssituation berücksichtigt. Wird das nicht erfüllt, reagieren manche mit Kritik, Frustration oder sogar Empörung.

Ein Bohnenrezept löst eine Grundsatzdiskussion aus

Auslöser der aktuellen Debatte war ein TikTok-Video einer jungen Content Creatorin aus Florida. Sie veröffentlichte ein veganes Bohnensuppen-Rezept und erklärte, dass ihr dieses während ihrer Menstruation helfe, den Eisenhaushalt zu verbessern.

Unter dem Video fanden sich zahlreiche positive Kommentare. Gleichzeitig tauchten jedoch viele Fragen auf, die mit dem eigentlichen Rezept kaum noch etwas zu tun hatten:

  • „Was ist, wenn ich keine Bohnen mag?“
  • „Kann ich die Bohnen durch etwas anderes ersetzen?“
  • „Was sollen Menschen machen, die keine Hülsenfrüchte essen können?“

Für viele Beobachter wirkte diese Reaktion überraschend. Schließlich hätte jeder Nutzer problemlos nach einem anderen eisenreichen Rezept suchen können. Genau dieses Verhalten beschäftigt inzwischen Wissenschaftler, Psychologen und Kommunikationsexperten.

Ein bekanntes Phänomen wird durch soziale Medien verstärkt

Jessica Maddox, Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der University of Georgia, erklärt, dass dieses Verhalten keineswegs neu sei. Menschen hätten schon immer Inhalte auf ihre persönliche Situation bezogen.

Neu sei allerdings die Geschwindigkeit und Intensität, mit der soziale Netzwerke solche Reaktionen sichtbar machen. Plattformen wie TikTok, Instagram oder X ermöglichen es jedem Nutzer, seine persönliche Kritik unmittelbar öffentlich zu äußern – oftmals innerhalb weniger Sekunden nach dem Konsum eines Beitrags.

Dadurch entsteht leicht der Eindruck, jeder Inhalt müsse automatisch für alle Menschen gleichermaßen geeignet sein.

Auch harmlose persönliche Geschichten lösen Kritik aus

Nicht nur Ratgeber oder Gesundheitstipps werden inzwischen kritisch hinterfragt. Selbst völlig private Erlebnisse können heftige Reaktionen auslösen.

Eine Nutzerin berichtete auf X davon, dass sie und ihr Ehemann jeden Morgen gemeinsam ihren Kaffee im Garten trinken und dort stundenlang miteinander sprechen. Für sie war dies ein Ausdruck von Dankbarkeit und Liebe.

Statt ausschließlich positiver Rückmeldungen erhielt sie zahlreiche Vorwürfe. Einige Nutzer warfen ihr vor, sie sei privilegiert und berücksichtige Menschen ohne Garten oder schwierige Lebensumstände nicht ausreichend. Die Diskussion eskalierte schließlich so weit, dass sie ihren Beitrag wieder löschte.

Therapeutische Tipps werden ebenfalls individuell interpretiert

Ähnliche Erfahrungen machte auch die Psychotherapeutin Israa Maalouf. Sie veröffentlichte kurze Videos mit Strategien gegen Panikattacken und empfahl unter anderem saure Bonbons oder scharfes Essen, da diese Reize das Nervensystem beruhigen können.

Unter dem Video meldeten sich jedoch Menschen mit Diabetes und erklärten, sie könnten Süßigkeiten nicht essen. Nachdem Maalouf alternative Salzpäckchen erwähnte, wiesen andere darauf hin, dass sie Bluthochdruck hätten.

Für die Therapeutin war diese Entwicklung überraschend. Sie ging selbstverständlich davon aus, dass Menschen erkennen würden, wenn ein Tipp aufgrund ihrer persönlichen Situation nicht geeignet ist.

Heute reagiert sie auf solche Kommentare meist nicht mehr.

Warum viele Nutzer alles auf sich beziehen

Nach Ansicht der Experten spielen mehrere Faktoren zusammen.

Ein wichtiger Grund liegt in den Algorithmen sozialer Netzwerke. Diese präsentieren jedem Nutzer überwiegend Inhalte, die zu seinen persönlichen Interessen passen. Dadurch entsteht unbewusst die Erwartung, dass nahezu jeder angezeigte Beitrag für die eigene Lebensrealität relevant sein müsse.

Trifft ein Nutzer dann auf Inhalte, die nicht zu seiner Situation passen, empfinden manche dies fast wie einen Fehler des Systems.

Jessica Maddox beschreibt dieses Verhalten als eine Art „Unterbrechung der Personalisierung“. Statt zu akzeptieren, dass ein Beitrag schlicht nicht für sie gedacht ist, interpretieren manche Nutzer dies als Ausgrenzung.

Zwischen Individualismus und personalisierten Algorithmen

Besonders in westlichen Gesellschaften spielt Individualismus eine große Rolle. Jeder möchte gesehen, verstanden und berücksichtigt werden.

Treffen diese gesellschaftlichen Erwartungen auf hochgradig personalisierte Social-Media-Feeds, entsteht leicht die Vorstellung, jeder Beitrag müsse sämtliche individuellen Lebenssituationen berücksichtigen.

Fehlt beispielsweise ein Hinweis auf Allergien, chronische Erkrankungen oder spezielle Ernährungsformen, empfinden einige Nutzer dies inzwischen als persönliches Versäumnis des Autors.

Fehlende Medienkompetenz verstärkt das Problem

Auch die Medienkompetenz vieler Nutzer spielt nach Ansicht verschiedener Experten eine Rolle.

Die Autorin und Comedian Temilola Adeoye beschreibt das Verhalten als eine Schwierigkeit, allgemeine Aussagen von individuellen Ausnahmen zu unterscheiden.

Viele Menschen hätten verlernt, zwischen einer allgemeinen Empfehlung und einer universellen Regel zu unterscheiden. Statt den Satz „Diese Suppe hilft bei Eisenmangel“ als persönlichen Erfahrungsbericht zu verstehen, werde daraus schnell die vermeintliche Behauptung: „Jeder Mensch muss genau diese Suppe essen.“

Dadurch entstehen Diskussionen, die ursprünglich gar nicht beabsichtigt waren.

Auch das Alter vieler Nutzer spielt eine Rolle

Ein weiterer Aspekt wird häufig übersehen: Ein erheblicher Teil der Social-Media-Nutzer ist sehr jung.

Viele Kommentare stammen nicht von Erwachsenen, sondern von Kindern oder Jugendlichen, deren Kommunikationsverhalten sich noch entwickelt. Gerade jüngere Nutzer reagieren oft spontaner und stellen Fragen oder formulieren Einwände, die Erwachsene möglicherweise gar nicht äußern würden.

Für Content Creator ist allerdings kaum erkennbar, ob ein kritischer Kommentar von einem Zwölfjährigen oder einem erfahrenen Erwachsenen stammt.

Die Pandemie hat das Kommunikationsverhalten verändert

Mehrere Experten sehen auch einen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen während der Corona-Pandemie.

In dieser Zeit wurde intensiv über Themen wie Gleichberechtigung, Diskriminierung, psychische Gesundheit oder gesellschaftliche Teilhabe diskutiert. Diese Debatten waren wichtig und haben das Bewusstsein für viele Probleme geschärft.

Gleichzeitig entstand bei einigen Menschen jedoch die Erwartung, dass sämtliche Inhalte jederzeit maximal inklusiv formuliert sein müssten.

Fehlt eine bestimmte Perspektive, wird dies inzwischen teilweise als bewusste Ausgrenzung interpretiert – selbst wenn der Beitrag lediglich eine persönliche Erfahrung schildert.

Persönliche Erfahrungen beeinflussen die Wahrnehmung

Psychotherapeutin Maalouf weist darauf hin, dass viele Menschen in ihrem Leben tatsächlich Ausgrenzung oder fehlende Anerkennung erlebt haben.

Diese Erfahrungen können dazu führen, dass Betroffene besonders sensibel auf Situationen reagieren, in denen sie sich erneut übersehen fühlen.

Dadurch entwickeln manche Nutzer eine Art Daueraufmerksamkeit für mögliche Formen der Ausgrenzung und interpretieren neutrale Aussagen schneller als persönlichen Angriff.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass jede Kritik unbegründet ist. Dennoch unterscheiden Experten klar zwischen berechtigter Kritik und der Erwartung, jeder Inhalt müsse alle individuellen Lebenslagen gleichzeitig berücksichtigen.

Nicht jeder Kommentar entsteht aus guten Absichten

Die Experten betonen außerdem, dass nicht jede Reaktion auf tatsächlicher Betroffenheit basiert.

Manche Nutzer möchten Aufmerksamkeit erzeugen oder sich selbst moralisch besonders korrekt präsentieren. Andere kommentieren impulsiv, ohne den gesamten Beitrag überhaupt gelesen oder angesehen zu haben.

Wieder andere gehen grundsätzlich davon aus, dass die Absicht eines Autors negativ gewesen sein müsse, obwohl dafür keinerlei Hinweise vorliegen.

Diese vorschnellen Interpretationen erschweren zunehmend einen sachlichen Austausch im Internet.

Content Creator werden vorsichtiger

Für Autoren, Journalisten und Influencer hat diese Entwicklung spürbare Folgen.

Viele investieren inzwischen deutlich mehr Zeit in Formulierungen, ergänzen zahlreiche Ausnahmen oder versuchen bereits im Vorfeld mögliche Kritikpunkte zu entschärfen.

Jessica Maddox berichtet, dass sie ihre wissenschaftlichen Aussagen heute wesentlich vorsichtiger formuliert als früher. Die Sorge vor Missverständnissen oder öffentlicher Kritik beeinflusse zunehmend den gesamten Schreibprozess.

Dadurch gehe häufig Klarheit verloren. Inhalte würden komplizierter, länger und weniger verständlich, weil ständig mögliche Einzelfälle berücksichtigt werden müssten.

Warum nicht jeder Inhalt für jeden gedacht sein muss

Letztlich erinnern Kommunikationsexperten daran, dass nicht jeder Beitrag jeden Menschen ansprechen kann oder soll.

Ein Rezept richtet sich an Menschen, die genau dieses Gericht ausprobieren möchten. Ein Trainingstipp ist für Personen gedacht, die sportlich aktiv sind. Ein Erfahrungsbericht beschreibt lediglich das Leben einer einzelnen Person.

Wer erkennt, dass ein Inhalt nicht zur eigenen Situation passt, muss ihn nicht automatisch als Angriff oder Ausgrenzung verstehen. Oft genügt es, einfach weiterzuscrollen oder gezielt nach Informationen zu suchen, die besser zu den eigenen Bedürfnissen passen.

Fazit

Soziale Medien haben die Art verändert, wie Menschen Inhalte konsumieren und darauf reagieren. Personalisierte Algorithmen, gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Erfahrungen führen dazu, dass viele Nutzer Informationen zunehmend durch ihre eigene Lebensrealität filtern.

Experten warnen jedoch davor, jede allgemeine Aussage automatisch auf sich selbst zu beziehen. Nicht jeder Beitrag kann alle Ausnahmen berücksichtigen – und genau das muss er auch nicht. Ein gesünderer Umgang mit sozialen Medien beginnt häufig mit der einfachen Erkenntnis, dass manche Inhalte schlicht für andere Menschen gedacht sind.

FAQ

Warum reagieren manche Menschen auf harmlose Social-Media-Beiträge so kritisch?

Experten sehen dafür verschiedene Gründe, darunter personalisierte Algorithmen, individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahre.

Was versteht man unter dem „What about me?“-Phänomen?

Dabei beziehen Nutzer allgemeine Inhalte unmittelbar auf ihre eigene Situation und kritisieren, wenn ihre persönlichen Umstände nicht berücksichtigt werden.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke dabei?

Algorithmen zeigen überwiegend personalisierte Inhalte. Dadurch entsteht bei manchen Nutzern die Erwartung, jeder Beitrag müsse zu ihrer individuellen Lebensrealität passen.

Warum sprechen Experten von fehlender Medienkompetenz?

Viele Nutzer unterscheiden nicht mehr klar zwischen allgemeinen Empfehlungen und Aussagen, die tatsächlich für alle Menschen gelten sollen.

Wie reagieren Content Creator auf diese Entwicklung?

Viele formulieren Inhalte vorsichtiger, ergänzen zahlreiche Einschränkungen oder verzichten teilweise auf bestimmte Themen, um Missverständnisse und Kritik zu vermeiden.

Ist jede Kritik unbegründet?

Nein. Berechtigte Kritik bleibt wichtig. Experten unterscheiden jedoch zwischen konstruktiven Hinweisen und der Erwartung, jeder Inhalt müsse sämtliche individuellen Lebenssituationen gleichzeitig berücksichtigen.