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Lebensstil Krankheit und Allergien – wichtige Information

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Lebensstil Krankheit und Allergien
Im 20. Jahrhundert änderten sich sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern die Lebensstile der Menschen grundlegend. So kam es zu weitreichenden Verstädterungs- und Industrialisierungsprozessen, die die Umwelt ebenso veränderten wie das Arbeits- und Freizeitverhalten. Aber auch das Verkehrsaufkommen auf Straßen, Schienen und in der Luft nahm zu, da die Menschen immer schneller und weiter reisen wollten. Die Ernährung veränderte sich nicht nur durch exotische Spezialitätenrestaurants, sondern auch durch den Niedergang des Stillens und die Einführung künstlicher Konservierungs- und Farbstoffe. Arznei- und Reinigungsmitteln, Pestiziden, Farben und Parfüms wurden neue Chemikalien beigemischt.

Gleichzeitig mit sich wandelnden häuslichen Gewohnheiten kamen technologische Neuerungen wie Fernsehen und Computer auf, was die Haushalte radikal veränderte und ihre Bewohner zu sitzender Lebensweise führte. Während die Anzahl elektronischer Geräte stieg, verringerte sich in den meisten verwestlichten Gesellschaften die Familiengröße, und einige Marktforscher kamen zu dem Schluss, das Fernsehen wäre „heutzutage der Familienzuwachs “.

Es ist nicht überraschend, dass eine dramatische Veränderung moderner Lebensweisen die Zunahme von Allergien und anderer „Überflusskrankheiten“, wie zum Beispiel Krebs, Herzkrankheiten, Diabetes und Fettleibigkeit, zur Folge hatte. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts sollte durch verschiedene internationale Forschungsinitiativen festgestellt werden, ob grundlegende Änderungen der westlichen Ernährungsweise für den Vormarsch von Asthma, Heuschnupfen und Ekzemen verantwortlich wären. So konzentrierten sich nun die Untersuchungen nicht nur auf wohlbekannte Allergene (wie Eier, Milch und Weizen), sondern auch auf die Einführung einer reichhaltigeren und abwechslungsreicheren Kost (z. B. Erdnüsse und Kiwis), die Menschen relativ neuen, exotischen Allergenen aussetzte, auf Fertignahrung, die viel Salz und künstliche Zusatzstoffe enthält, oder das „Junkfood“.

Eine Studie in Saudi-Arabien zum Beispiel kam zu dem Schluss, dass eine traditionelle ländliche Kost aus lokalen frischen Gemüsen, Milch, Reis, Huhn und Früchten (im Gegensatz zur städtischen Bevorzugung importierter und behandelter Nahrungsmittel) das Asthmarisiko für Kinder senken würde. Zwar wurde, wie ich im nächsten Artikel darlegen werde, das Vorhandensein von Nahrungsmittelallergien im späten 20. Jahrhundert abgestritten, doch die große Besorgnis von Ärzteschaft und Öffentlichkeit in Bezug auf Nahrungsmittelzusätze führte nicht nur zu strengeren Bestimmungen für die Nahrungsmittelindustrie oder kurbelte die Popularität von „allergenfreien“ Nahrungsmitteln an, sondern sie half auch, die klinische Ökologie entstehen zu lassen, eine markante, aber umstrittene Medizinrichtung, die sich in erster Linie mit der Identifizierung und Eliminierung von verborgenen gesundheitlichen Umweltgefahren befasste.

Das Interesse am Zusammenhang von Ernährung und Allergien führte auch zur Untersuchung des Einflusses von Stillen bzw. Formelmilch. Bereits in der Zwischenkriegszeit veröffentlichte Studien hatten schon angedeutet, dass bei Säuglingen durch Kuhmilch vermehrt frühkindliche Ekzeme Vorkommen würden. Forschungen aus den 1970er- und 80er-Jahren deuteten darauf hin, dass Stillen – besonders während der ersten Lebensmonate, wenn die IgA- Konzentrationen niedrig sind – entweder zu einem schwächeren Auftreten oder einem späteren Ausbruch von Allergien führte. 1978 beispielsweise konnten Heinz Wittig und seine Kollegen in Florida nach- weisen, dass das erste Auftreten von Allergien bei gestillten Kindern wesentlich später stattfand (ungefähr im Alter von 7,1 Jahren) als bei Flaschenkindern (ungefähr im Alter von 4,5 Jahren).

Andererseits wurden die Befürworter des Stillens, die so das Auftreten von Allergien reduzieren oder hinauszögern wollten, von Studien verunsichert, die belegten, dass verschiedene starke Allergene und Industrierückstände durch die Muttermilch an das Kind weitergegeben werden konnten. So konnten italienische Forscher 1988 bei gestillten Kindern durch Hauttests eine stärkere Reaktion auf gewöhnliche Allergene nachweisen. Mehrere Jahre später kamen unabhängige Studien, die in der Lancet veröffentlicht wurden, zu dem vergleichbaren Schluss, dass Allergene in der Muttermilch (z. B. aus der Nahrung der Mutter) dazu führen könnten, prädisponierte Kinder anfälliger werden zu lassen, und dass Stillen das Risiko der Entwicklung atopischer Krankheiten vergrößern könnte.

Auch Untersuchungen zum Rauchen von Eltern spiegelten zeitgenössische Vorstellungen über die zentrale Rolle von Müttern (nicht so sehr die von Vätern) an der Gestaltung der eventuell für Allergien verantwortlichen pränatalen und frühkindlichen Umgebung. Einige Autoren haben in den 1970er-Jahren deutlich gemacht, dass eine statistisch belegte Beziehung zwischen Allergien und Rauchen nicht notwendigerweise belegen müsse, dass Zigarettenrauch bei Allergiepatienten Atemwegsbeschwerden auslösen oder verschlimmern könnte. Denkbar wäre auch, eine Atopie würde einen Risikofaktor für eine durch Rauch verursachte bronchiale Reizbarkeit darstellen.

Trotzdem legten Folgestudien den Akzent in erster Linie auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Kinderasthma. In den 1990er-Jahren wurde geschätzt, dass in den Vereinigten Staaten fast 400 000 Asthmafälle durch rauchende Eltern verursacht worden wären, entweder weil die Mutter während der Schwangerschaft oder ein Elternteil während der ersten Lebensjahre des Kindes geraucht hätte. Solche Versuche, den Einfluss des Passivrauchens auf Allergien einzuschätzen, wurden nicht nur durch wachsende Sorge zum gesundheitlichen Einfluss globaler Trends beim Rauchen motiviert, sondern auch von aufkeimendem Interesse an pränatalen Ursachen für Krankheiten im Erwachsenenalter und an Asthma-Risikofaktoren mütterlicherseits.

Das Sich-Konzentrieren auf den Einfluss moderner Lebensstile auf die Gesundheit berücksichtigte auch grundlegende Veränderungen bei Produktion und Konsum, und es erneuerte altbekannte Ängste vor den Gefahren der Zivilisation oder davor, dass westliche Konsumgesellschaften Wohlstand ständig auf Kosten der Gesundheit fördern würden. Daher klang die Kritik am westlichen Lebensstil – mit seiner schlechten Ernährungsweise, dem Rauchen und dem Bewegungsmangel – im 20. Jahrhundert oft genauso wie im 18. Jahrhundert die Anprangerung der Rolle von Unmäßig- und Gefräßigkeit bei der Ätiologie von Gicht und nervöser Reizbarkeit. Sie erinnerte aber auch an die von Thomas Beddoes im frühen 19. Jahrhundert geäußerten Ansichten zur Schwindsucht in höheren Klassen oder an die Fixierung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf den anscheinenden Zusammenhang von Wahnsinn und Zivilisation. Trotz deutlicher Kontinuitäten im Vokabular wiesen in der Nachkriegszeit die Auseinandersetzungen mit der Allergie jedoch einen neuen Zug auf: die pessimistische Einstellung jener Zivilisationsmüden, die für das erstaunliche Auftreten von Allergien rasche Veränderungen der Medizin und der Hygienemaßstäbe, materielle Veränderungen im Haus und im Freien und die dramatischen Veränderungen westlicher Lebensstile verantwortlich machten.

In den späten 1980er-Jahren veröffentlichte David Strachan, ein Epidemiologe an der School of Hygiene and Tropical Medicine (Schule für Hygiene und Tropenmedizin) in London die Ergebnisse seiner groß angelegten Studie zur Epidemiologie von Heuschnupfen und Ekzemen. Diese waren bemerkenswert: „Von den 16 untersuchten perinatalen, sozialen und Umweltfaktoren waren die verblüffendsten Zusammenhänge mit Heuschnupfen die Familiengröße und der häusliche Rang während der Kindheit.“ Daraus ergab sich, je mehr Kinder es in einer Familie gab (besonders bei einer größeren Anzahl von älteren Geschwistern), desto seltener kam es zu Heuschnupfen und Ekzemen. Bei der Auswertung seiner Ergebnisse, schlug Strachan vorsichtig etwas vor, was in den darauffolgenden Diskussionen als „die Hygienehypothese“ bekannt werden sollte:
Diese Beobachtungen stützen nicht die Vermutung, dass Virusinfektionen besonders des Atemwegstrakts wichtige Faktoren bei der Ausbildung einer Atopie sind. Sie wären jedoch erklärlich, wenn allergische Krankheiten durch eine Ansteckung in früher Kindheit übertragen wurden, die durch den unhygienischen Kontakt mit älteren Geschwistern oder pränatal durch den Kontakt mit der von ihren älteren Kindern infizierten Mutter zustande kam. Eine spätere Ansteckung oder Wiederansteckung durch jüngere Geschwister kann vielleicht zu einem zusätzlichen Schutz vor Heuschnupfen führen.

Bezeichnend ist, dass die Hygienehypothese nicht nur eine Erklärung für damalige epidemiologische Unterschiede westlicher Industrieländer bezüglich der Familiengröße lieferte, sondern auch eine theoretische biologische Grundlage für die soziale, geografische und historische Ver-teilung von Heuschnupfen, die von den Pionieren dieses Gebietes, wie zum Beispiel Bostock, Blackley und Beard, festgestellt worden war.

Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts haben die kleiner gewordenen Familien, Verbesserungen des Haushaltskomforts und der höhere Grad an Reinlichkeit in jungen Familien die Möglichkeit einer gegenseitigen Ansteckung verringert. Das kann zu einem häufigeren Auftreten von atopischen Krankheiten geführt haben, die bei wohlhabenderen Leuten früher auftreten, was beim Heuschnupfen der Fall gewesen zu sein scheint.

Strachans Betonung von Familiengröße und Hygiene war nicht ganz neu. Schon in den 1950er-Jahren hatte John Freeman festgestellt, dass allergische Krankheiten bei Kindern mit wenigen oder gar keinen Geschwistern häufiger auftreten würden. 1976 wurde in einer kurzen Anmerkung in der Lancet davor gewarnt, dass „allergische Krankheiten der Preis sein können, den die Menschheit für eine größere Hygiene in einer Umwelt zu zahlen hat, die vor hochallergenen Materialien nur so strotzt“. Während jedoch Freeman „die ungewöhnliche Häufung von Einzelkindern in der Allergieklinik“ mit einem emotionalen Ersticktwerden erklärt hatte, zogen es die Befürworter der modernen Hygienehypothese vor, von einer immunologischen Reifung zu sprechen. Ihrer Meinung nach führte eine geringere Zahl von Kinderkrankheiten zu einem größeren Ungleichgewicht des Immunsystems (z. B. bei der T-Zellen-Polarisation hinsichtlich von TH2-Reaktionen), was wiederum primitivere oder unreifere immunologische Reaktionen auf potenzielle Antigene und damit Autoimmunkrankheiten und Allergien auslösen würde.

Obwohl Strachan später selbst Zweifel an der Hygienehypothese angemeldet hat, wurde durch Journalisten – die nicht nur wissenschaftliche Berichte über Gefahren der Keimfreiheit publizierten, sondern auch, dass internationale Studien die Hygienehypothese stützen würden – der möglichen Kehrseite moderner westlicher Hygiene beträchtliche Aufmerksamkeit zuteil. So war beispielsweise in einigen Studien aufgefallen, dass Kinder in Tageskrippen dazu neigten, mehr Infektionen zu erleiden und weniger Allergien zu entwickeln als Kinder, die alleine zu Hause aufwuchsen. Auch schien es eine gegenläufige Beziehung zwischen parasitischen Ansteckungen (bei denen IgE einen Hauptschutzmechanismus darstellte) und dem Ausbruch von allergischen Krankheiten zu geben. Dieser Zusammenhang erklärte nicht nur das geringere Allergievorkommen in tropischen Klimazonen, sondern führte auch zu Überlegungen, dass Allergien vielleicht mit Injektionen künstlicher Parasiten behandelt werden könnten. Einige Autoren verwiesen ausgesprochen kritisch auf den steigenden Antibiotikaeinsatz und die immer häufigere Immunisierung von Kindern in westlichen Gesellschaften. Da beide medizinischen Behandlungsmethoden die Chancen auf einen vermeintlich natürlichen immunologischen Reifeprozess möglicherweise verringern würden, könnten hier Gründe für steigende Allergieraten liegen. Gestützt wurde diese Vorstellung insbesondere durch die Untersuchungen von Kindern, die – anthroposophisch erzogen – weniger mit Antibiotika oder Vakzinierungen zu tun hatten, dafür umso mehr mit einer Kost, die reich an milchsauer vergorenem Gemüse samt lebender Milchsäurebakterien war.

Faszinierend, wie eine althergebrachte epidemiologische und gesellschaftliche Fixierung auf Schmutz von der Konzentration auf eine krank machende moderne Hygiene ins Gegenteil verkehrt wurde. Im Gefolge der industriellen Revolution und der Entdeckung von krank machenden Keimen war von Ärzten und Sozialreformern des späten 19. Jahrhunderts Schmutz als eine der größten Bedrohungen für die Volksgesundheit aufgefasst worden.

Infolge verbesserter Ernährung, medizinischen Fortschritts und der Einführung von präventiven Hygienemaßnahmen inner- und außerhalb des Hauses sank die Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate durch Infektionskrankheiten in den meisten Industrieländern drastisch. Dennoch, es ist möglich, dass der relativ erfolgreiche Kampf westlicher Medizin und Zivilisation gegen Bakterien und andere Mikroorganismen für die weltweite Entfesselung einer neuen Plage von chronischen, immunologisch übertragbaren Krankheiten verantwortlich war. Auch wirtschaftliche Interessen der Pharma- und Reinigungsindustrie scheinen durch Forcieren von persönlicher Reinlichkeit und häuslicher Hygiene das individuelle immunologische Gleichgewicht, ebenso wie das der globalen Ökologie, gestört zu haben. Wenn man der Hygienehypothese Glauben schenken darf, hat die moderne Industriegesellschaft neue Gesundheitsrisiken geschaffen, die nur durch den künstlichen Kontakt mit Schmutz und Krankheit gebändigt werden können. Zu Beginn des neuen Jahrtausends empfahlen insbesondere westliche Wissenschaftler paradoxerweise, Allergien mit bakterienhaltigen Tabletten oder probiotischen Präparaten zu behandeln, die eine mutmaßlich natürliche ökologische Harmonie wiederherstellen und schützende Formen immunologischer Reaktionsfähigkeit, im Gegensatz zu zerstörerischen, befördern sollten.

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