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Der Tod der Allergie und wichtige Information

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Der Tod der Allergie und wichtige Information
Am 28. Februar 1929 begingen Clemens von Pirquet und seine Frau Selbstmord. Ihr Tod ist rätselhaft, da Pirquet doch eigentlich als Kinderarzt höchst erfolgreich war. Aus Baltimore nach Europa zurückgekehrt, war er für kurze Zeit in Breslau tätig gewesen, bevor er zum Professor für Pädiatrie an die Kinderklinik in Wien berufen worden war, wo er auch einst seine Ausbildung begonnen hatte. Im Verlauf seiner Berufsaufbahn hatte er viele Beiträge zu unterschiedlichen klinischen und wissenschaftlichen Themen veröffentlicht. So bewahrte er sich insbesondere ein großes Interesse für die Anthropometrie, entwarf Isolierbetten für Kinderabteilungen, förderte die pädiatrische Psychologie und ersann neue Einheiten zur Berechnung des Nährwertes von Essen, die er „Nahrungseinheit Milch“ oder „Nem“ nannte, mit deren Hilfe der Nährwert besser als mit Kalorien ermittelt werden sollte.

Angesichts seines offenkundigen beruflichen Erfolges ist Pirquets Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, noch merkwürdiger. Möglicherweise wurden die Selbstmordgedanken durch die Entfremdung von seiner Familie wegen des Prozesses um den Grundbesitz seiner Mutter, die seit langer Zeit bestehenden körperlichen und psychischen Probleme seiner Frau und die zunehmend prekäre Lage seines Heimatlandes verstärkt. Es ist jedoch auch denkbar, dass Pirquets Gefühl der Isolation durch die Skepsis der Zeitgenossen an der wissenschaftlichen und klinischen Bedeutung einiger seiner wichtigsten Beiträge noch vertieft wurde, da sowohl die Allergie als auch „Nem“ bei seinen Kollegen auf Ablehnung stießen. Hinzu kommt, dass Pirquet sich verstärkt mit dem Tod befasste.

Aufgrund seines wachsenden Interesses an der Biostatistik investierte er in den 1920er-Jahren viel Zeit und Kraft in die Berechnung dessen, was er „das Gravitationszentrum“ – das ist der Tag mit der höchsten Sterblichkeitsrate – verschiedener Krankheiten nannte. Seine Forschungsergebnisse, die beträchtliche statistische Kenntnisse und bildliche Vorstellungskraft bewiesen, wurden 1927 veröffentlicht. Auch wenn akute Infektionskrankheiten stark jahreszeitlich bedingt wären, so seine Argumentation, so wären Spitzenwerte von Todesfällen doch auch stark von Ansteckungsstelle und -art abhängig. Dem gegenüber seien Todesfälle durch bösartige Tumore unabhängig von den Jahreszeiten. Diese Besessenheit von der grafischen Erfassung von Sterblichkeitsraten hat seinen Biografen annehmen lassen, Pirquets Selbstmord könnte vielleicht in Zusammenhang mit dem Alterungsprozess an sich stehen.

In den mittleren Jahren seiner Karriere veröffentlichte Pirquet nur eine begrenzte Anzahl von Artikeln über die Allergie und ihre Symptome. Er beschränkte sich auf die Beschreibung der Pathogenese und Verteilung der typischen Hautausschläge hei Masern, die er charakteristisch als eine Antikörper-Antigen-Reaktion auffasste, auf die Unterscheidung von normalen Impfreaktionen und das Phänomen des „Paravakzins“. Ende der 1920er-Jahre kehrte er jedoch energisch zu jenen wissenschaftlichen Problemen zurück, die in mancher Hinsicht seine Karriere angestoßen hatten. 1927 veröffentlichte er einen Überblick über die Zunahme des wissenschaftlichen und klinischen Interesses an der Allergie in den Jahren, die auf Richets Formulierung der Anaphylaxie gefolgt waren, wobei er sich insbesondere auf die eigenen Beiträge zu diesem Gebiet konzentrierte. Neben der Feststellung, dass sowohl seine Tuberkulin-Hautprobe als auch Schicks Diphtherietest gebräuchliche Diagnosemethoden geworden wären, schrieb er mit offenkundiger Zufriedenheit: „Der Namen [sie] ,Serumkrankheit* und der Begriff ,Allergie* sind allgemein angenommen worden.“

Zur selben Zeit ließ Pirquets wiederauflebendes Interesse an Allergien und seine wachsende Beschäftigung mit den Alterungs- und Sterbeprozessen eine Untersuchung dessen entstehen, was er die „Allergie des Lebensalters“ nannte. Auch wenn 1929 eine Vorarbeit, die seine Vorstellungen im Keim enthielt, kurz vor seinem Tod veröffentlicht wurde, konnte er einen Atlas, der die altersbedingte Verteilung einer Reihe von Krankheiten darlegte, nicht mehr fertigstellen. Und seine Monografie über den Einfluss des Alters auf die Sterblichkeitsrate bei Krebs wurde posthum publiziert. In diesen Untersuchungen schlug Pirquet vor, die „besondere Altersdisposition“ für jede gut definierte Todesursache könnte einer altersabhängigen Form veränderter biologischer Reaktionsfähigkeit oder Allergie zugeschrieben werden.

Pirquets Arbeit über die Biologie des Alters, seine frühere Definition der Allergie und seine spätere Übersicht über die Entwicklungen auf diesem Gebiet belegen das Ausmaß seiner allumfassenden Allergieauffassung als Symptom einer allgemein veränderten biologischen Reaktionsfähigkeit.

Ebenso offensichtlich ist jedoch, dass zum Zeitpunkt seines Todes die genaue Bedeutung des Begriffes von seinen Zeitgenossen beträchtlich eingeengt worden war. Immer öfter wurde „Allergie“ nicht allgemein biologisch aufgefasst sondern analog zur Anaphylaxie und anderen Überempfindlichkeiten, das heißt als spezifische Form immunologischer Reaktionsfähigkeit, die lediglich zu Gewebeschäden führen würde. 1927 merkte Humphrey Rolleston an, dass Allergie mittlerweile „allgemein gleichbedeutend mit Überempfindlichkeit oder Anaphylaxie ist, was nicht ihrer ursprünglichen Definition entspricht“.

Zwei Jahre später, im Jahr von Pirquets Tod, wurden Rollestons Worte von den Herausgebern des neu gegründeten Journal of Allergy aufgegriffen, das gemeinschaftlich von den beiden führenden amerikanischen Gesellschaften zur Erforschung von Asthma, Heuschnupfen und ähnlicher Leiden herausgebeben wurde. Unter Hinweis darauf, dass ihre Auffassung in Einklang stünde mit dem „gegenwärtigen medizinischen Gebrauch“, erklärten die Herausgeber, die Zeitschrift sei angetreten, um „Aufsätze zu präsentieren, die sich mit den klinischen Aspekten der spezifischen Überempfindlichkeit menschlicher Wesen befassen“ würden. Diese eingeschränktere Bedeutung des Begriffes , Allergie wurde in schöner Regelmäßigkeit von Wissenschaftlern und Ärzten übernommen. 1933 distanzierte sich der ebenso berühmte wie exzentrische amerikanische Pathologe Arnold Rice Rieh (1893-1968), bekannt für seine Arbeiten über die Immunität und Überempfindlichkeit bei Tuberkulose, bewusst von Pirquets weitgefasster Allergie-Definition:

Ungeachtet dessen, was Pirquets Konzept des Begriffes ,Allergie* gewesen sein mag, und auch wenn es gegenwärtig keine Einigkeit beim Gebrauch des Wortes gibt, so ist,Allergie* heutzutage dennoch im Verständnis der meisten Mediziner gleichlautend mit erworbener Überempfindlichkeit, wie ein Blick in die vielen jedes Jahr zu diesem Thema veröffentlichten Aufsätze sofort belegt, und einzig in diesem Sinn werde ich den Begriff in der vorliegenden Abhandlung anwenden.

Oft wurde der Einfluss Clemens von Pirquets auf die wissenschaftlichen und klinischen Studien von Überempfindlichkeit und Immunität überschattet vom nobelpreisgekrönten Werk seiner europäischen Zeitgenossen, zum Beispiel dem von Emil von Behring, Paul Ehrlich, Charles Richet und Jules Bordet. Wie ich jedoch in den folgenden Kapiteln ausführen werde, auch wenn sich Pirquets ursprüngliche Bedeutung des Begriffs ,Allergie* sehr wohl verengt haben mag, prägt ein Nachhall seiner Allergieauffassung und der sie bestimmende klinische Blickwinkel (manchmal insgeheim) im gesamten 20. Jahrhundert das Studium idiosynkratischer Reaktionen auf Fremdstoffe. Speziell die Gründung des Journal of Allergy im Jahre 1929, die Einführung von Lehrgängen zu „allergischen Erkrankungen“ in einigen europäischen Ländern um dieselbe Zeit und die erfolgreiche Fltablierung von „Allergieabteilungen“ in Krankenhäusern in den 1920er-Jahren legen deutlich Zeugnis ab für die starke und unmittelbare Wirkung von Pirquets Beiträgen zu Wissenschaft und Medizin. Und exakt zum Zeitpunkt seines Todes erblickte in den Laboratorien und Krankenhäusern Westeuropas und Nordamerikas eine neue Variante der klinischen Allergologie das Licht der Welt.

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